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Montag, 27. April 2020 17:01

Das Unbegreifliche

Am Ende wird alles gut... und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.
Oscar Wilde

Es gibt Dinge, die entziehen sich der menschlichen Vorstellungskraft. Zum Beispiel Radioaktivität. Man kann sie nicht sehen, riechen, schmecken. Und doch kann sie, wenn sie ein gewisses Maß übersteigt, schwere Schäden hervorrufen. Meistens erkennt man soetwas aber nur an einem gewissen Anstieg von Krankheitsfällen, wie z.B. bei Fukushima. Bei Hiroshima und Nagasaki war das Ganze deutlich offensichtlicher.

Oder Viren. Da passen 50.000 auf eine Nadelspitze, die kann man mit dem bloßen Auge auch nicht sehen. Auch die mikroskopisch feinen Wassertröpfchen in der Luft, die sich in geschlossenen Räumen ansammeln können, sehen wir nicht, atmen sie aber ein. Für die menschliche Evolution reichte es aus, wenn wir uns vor überdimensionalen Viren- und Bazillenschleudern ekeln, wie grüne Schleimpfropfen, die man aushustet. Das war zum Schutz des Aussterbens der Menschheit völlig ausreichend. Die Natur interessiert sich ja nicht für Einzelschicksale.

Auch für Quantenmechanische Prozesse hat der Mensch keine natürlich Vorstellungskraft. Für uns steht ein Tisch an seinem Platz. Dass er genaugenommen nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,999999 (usw.) % an seinem Platz steht, und mit einer verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit aber woanders ist, das ist eine Erkenntnis der Physik, die aber im praktischen Leben von uns Menschen keinerlei Rolle spielt. Wenn man den Autoschlüssel oder die Brille verlegt hat, dann ist das eher nicht auf quantenphysikalische Prozesse zurückzuführen ;-)

Oder nehmen wir Geschwindigkeiten von über 90% der Lichtgeschwindigkeit, wo die Zeitdilitation beginnt, eine Rolle zu spielen. Das berümte Beispiel des Zwillings, der nach seiner Rückkehr auf die Erde seinen Zwilling deutlich schneller gealtert vorfindet. Da wir Menschen uns natürlich nicht mit solchen Geschwindkeiten fortbewegen, fehlt es uns auch hier an Vorstellungskraft, dass dies tatsächlich so passieren würde, da es in unserem Alltag keine Rolle spielt und unser Gehirn deshalb nicht darauf ausgelegt ist, solche Phänomene intuitiv zu begreifen.

Bei der Durchschnittsbevölkerung kann ich deshalb gut nachvollziehen , dass sie die Sache mit der Coronakrise nicht richtig einschätzen können und auf Lockerungen pochen. Sicherlich auch verständlicherweise oft getrieben durch die Existenzängste, die sehr viele Menschen jetzt haben, und der Hoffnung, dass es vielleicht doch alles nicht so schlimm ist wie damals bei der Schweinegrippe, die rückblickend als mild bezeichnet wurde. Mir persönlich fällt es schwer, jetzt noch zu glauben, dass die neue Coronavirus-Pandemie so glimpflich verlaufen könnte, wie die Schweinegrippe, wenn ich sehe, wieviele ausgehobene Massengräber auf Sattelitenbildern vom Iran zu sehen sind, Tote in Norditalien vom Militär abtransportiert oder in New York in Massengräbern bestattet wurden.

Doch wenn man ein paar Prämissen aktzeptiert, dass bei 83 Mio. Menschen in Deutschland bis zum Erreichen einer Herdenimmunität, die das neue Coronavirus ausbremsen könnte, etwa eine Durchseuchung von 60 % erreicht werden müsste, das wären dann ca. 50 Mio. Menschen, die in Deutschland infiziert worden sein müssten. Wenn man dann davon ausgeht, dass davon dann ungefähr 15,6% erkranken und der Rest der Dunkelziffer bzw. der symptomlos Infizierten angehört und von diesen dann 3,63% sterben werden, dann wären das 282.000 Tote allein in Deutschland. Das sind 0,34% der Gesamtbevölkerung, also jeder Dreihundertste. Da würde dann jeder irgendjemanden im Bekanntenkreis kennen, der an oder mit Covid-19 verstorben sein würde. Wir reden also nicht von 25.000 Grippetoten, sondern von mehreren 100.000 Toten, die innerhalb der nächsten Monate sterben würden, wenn wir nichts unternehmen. Selbst wenn man die einzelnen Multiplikatoren nach unten oder oben korrigiert, sobald neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, bleibt die Zahl enorm hoch.

Wir stehen noch immer am Anfang des Tsunamis. Und wir müssen jetzt die nächsten Monate zwischen Maßnahmen, Lockerungen und Beobachtung der Entwicklung der Zahlen tarieren ("The Hammer and the Dance"), um die Zahl der Toten möglichst gering zu halten bei maximal möglicher Aufrechterhaltung der Wirtschaft, bis die Pandemie nächstes Jahr, wenn es einen Impfstoff gibt, endlich besiegt wurde.

Ist das denn wirklich so schwer zu begreifen?

Everything's going to be okay!
Carl Grimes


Updates

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Heise (25.11.2020): Experten: Epidemiologen sollten von Klimaforschern lernen - Computer-Modell Covid-Sim und die Abhängigkeit von Modellparametern

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09.01.2012 13:04 Clicks: 730891

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