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Donnerstag, 16. April 2020 17:01

Digitalisierung

Am Ende wird alles gut... und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.
Oscar Wilde

Eines der ersten Dinge, die mir aufgefallen sind, als ich ins Homeoffice geschickt wurde: Wie wichtig die Digitalisierung ist. Wir hatten das Glück, dass wir schon gut aufgestellt waren und auch Homeoffice-erprobt, so dass es überhaupt kein Problem war, von jetzt auf gleich von zu Hause aus zu arbeiten. Zumindest technisch.

Die Anstrengungen meiner Firma, damit dies auch gut funktioniert, waren enorm. Denn als im Februar die chinesischen Kollegen schon ins Homeoffice geschickt wurden, war schnell klar, dass die IT-Infrastruktur darauf noch nicht ausgelegt war. So wurde mit Hilfe der Erfahrungen aus China innerhalb kürzester Zeit unter Verzicht der Pilotphase weitere Einwahlmöglichkeiten geschaffen und zusätzlich zu unserem ersten Videokonferenz-System noch ein weiteres ausgerollt. Eine Mammuth-Aufgabe, die sich gelohnt hat, denn die Verbesserungen des Netzwerkes war von Tag zu Tag spürbar.

Aber auch deutschlandweit war zu sehen, dass unser Internet weit mehr genutzt wurde und daher verschiedene Maßnahmen notwendig wurden, um es zu entlasten. So reduzierten Streamingdienste ihre Übertragungsraten. Ein Online-Kalender, den wir im Stall benutzen, aktualisierte nicht mehr sekündlich, sondern in größeren Zeitabständen. Restaurants, die bereits eine eigene Website hatten, konnten ihr Angebot zum Abholen sehr schnell publik machen. Eine Freundin, die Online-Werbung macht, konnte sich plötzlich vor Anfragen kaum noch retten.

Aber es zeigte natürlich auch unsere Schwachstellen. Zum Beispiel der Breitbandausbau in Deutschland. Für mich ist es völlig unverständlich, wieso diese wichtige Infrastruktur nicht grundsätzlich durch den Staat aufgebaut wird. Naja, die Privatisierung der Telekom könnte damit zusammenhängen. Da sehen wir ja, wie gut das der Markt regelt. Der Markt, für den die Zukunft beim nächsten Jahresabschluss oder schlimmer zum Quartalsende aufhört und deshalb Investitionen scheut. Denn Infrastruktur gehört meines Erachtens immer in staatliche Hand, damit diese nicht abhängig ist von wirtschaftlichen Interessen. Gleiches gilt auch für den Mobilfunk.

Und wo die Digitalisierung auch noch große Schwächen aufweist: Die Behörden. Für meine Firma muss ich diverse Unterlagen besorgen, die für öffentliche Ausschreibungen (also staatliche Aufträge) wichtig sind. Einige davon muss ich persönlich mit Vollmacht unter Vorlage meines Persos beantragen. Nun sind die Behörden aber derzeit für den Publikumsverkehr geschlossen. Wie komme ich also an diese Unterlagen? Nicht alle Behörden sind auf den Einsatz der Online-Funktion des Persos ausgerichtet. Und ehrlicherweise habe ich mir diese Funktion auch noch nicht freischalten lassen, weil ich bisher geglaubt habe, sie nicht wirklich zu brauchen, und natürlich hier dem Staat gegenüber auch ein gewisses Misstrauen hege, ob er verantwortungsbewusst mit meinen Daten umgehen kann. Allerdings hätte mir der in dem Fall auch nichts genutzt, weil auch die Vollmachtgeber sich hätten online ausweisen müssen. Das ist zur Zeit alles recht kompliziert, weil alles per Post erledigt werden muss. Das dauert natürlich auch... Aber gut.

Nachdem können wir auch kein Führungszeugnis nach § 30 Abs. 5 BZRG beantragen, das wir aber brauchen, überlege ich tatsächlich, ob ich die Funktion nicht für solche Fälle doch freischalten lassen werde. Was gut funktioniert ist aber die Elektronische Steuererklärung, auch wenn ich mich über den Namen Elster noch immer schlapplache. Und auf einen Bierdeckel passt sie auch noch immer nicht.

Was mich aber wirklich entsetzt: Die langsame Erfassung der Fallzahlen. Wieso werden die nicht digital bereitgestellt und stehen nicht sofort in Echtzeit zur Verfügung? Wie werden diese Zahlen durchgereicht, dass die Ergebnisse erst nach drei Tagen zur Verfügung stehen? In einer Pandemie, in der es zu Verdopplungszahlen der Fälle innerhalb weniger Tage kommt? Steht da noch irgendwo ein Fax rum, wo am Wochenende das Papier ausgegangen ist, oder was?

Ob sich nach der Coronakrise hier etwas ändern wird? IT-Fachkräfte werden von Firmen gerne gehalten, sogar in der Hire-and-Fire-USA. Ich bin gespannt.

Everything's going to be okay!
Carl Grimes


Updates

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ntv (19.09.2020): EU macht elektronisches Bezahlen einheitlich

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Süddeutsche (23.11.2020): Deutschland hat die Digitalisierung nicht verschlafen, sondern unterdrückt

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Heise (17.03.2021): Verwaltung braucht komplett neue Struktur

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Heise (22.06.2021): Code statt rosa Zettel: Das E-Rezept soll manchen Weg ersparen

Heise (15.07.2021): Wie Corona in den USA die Digitalisierung des Gesundheitswesens voranbringt

Heise (20.11.2021): Ärzte müssen sich auf Digitalisierung einlassen


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Golem (11.05.2021): DSGVO: Fax ist nicht mehr datenschutzkonform

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Thema: Corona
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