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Sandra's Blog-Archiv

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Samstag, 11. April 2020 17:01

Systemrelevante Berufe - Kranken- und Altenpfleger

Am Ende wird alles gut... und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.
Oscar Wilde

Ich habe mich schon sehr lange gefragt, wieso Krankenschwestern und Altenpfleger viel weniger verdienen als ich Sekretärin/Teamassistentin. Sie arbeiten im Schicht- und Wochenenddienst, müssen zum Teil schwere, körperliche Arbeit leisten, wenn sie bettlägrige Patienten versorgen und tragen die Verantwortung für Gesundheit und manchmal auch für Leben und Tod. Was mache ich? Ich formatiere Verträge, male fancy Powerpointfolien, klopfe Zahlen in Exceltabellen, buche Reisen und rechne diese ab. Nine to five. Sehr komfortabel.

Der Aufwand für Krankenpfleger wurde in den letzten Jahrzehnen immer größer. Sie mussten alles dokumentieren, die Nacht- und Wochenendzuschläge wurden gekürzt. Um diesen Beruf überhaupt noch ausüben zu wollen, braucht man eine gehörige Portion Idealismus. Auch die unsäglichen Fallpauschalen haben zu obstrusen Verschiebungen geführt. Wie weltfremd diese sind, zeigt sich an den Intensivbetten. Eines zu beschaffen kostet 85.000 Euro, die Fallpauschale sieht hierfür aber nur 50.000 Euro vor. Daher sind die Kliniken gezwungen, woanders zu sparen, zum Beispiel am Pflegepersonal. Kaiserschnitte lohnen sich, natürliche Geburten nicht, weshalb viele Kliniken ihre Kreissäle schließen und mancherorts Mütter in den Wehen sehr weit zur Entbindung fahren müssen. Und das Problem mit den Hebammen und ihren absurd hohen Versicherungsbeiträgen ist da noch gar nicht mit drin. Orthopädische Operationen - großartig, legen Sie sich bitte sofort unter das Messer! Das lohnt sich für die Klinik. Ich gehe grundsätzlich zu keinem "Belegarzt", der seine Betten rentabel halten muss.

Jetzt in der Coronakrise zeigt sich deutlich, was dieser Sparkurs unserem Gesundheitssystem angetan hat. Dabei stehen wir im internationalen Vergleich noch ganz gut da. Insofern ist es vielleicht ganz gut, dass uns die Krise schon jetzt trifft, bevor unser Gesundheitssystem das Niveau von Italien, Spanien, Großbritannien oder den USA erreicht hat. Es ist ja nicht so, dass das hier nicht auch in diese Richtung gegangen wäre, siehe beispielhaft diese ominöse Brechtelsmann-Studie (oder wie diese neoliberalen Schmierfinken heißen).

Ich habe einmal über Twitter verfolgt, wie ein US-Amerikaner die Diagnose Darmkrebs erhielt, seinen Job und damit seine Krankenversicherung verlor und versuchte, die Behandlungskosten über Fundrainsing zusammenzubekommen. Er hat den Wettlauf mit der Zeit verloren und starb, hinterließ Frau und Kinder. Für mich einfach unbegreiflich, wie ein moderner Staat es zulassen kann, dass das Gesundheitssystem nur den Leuten zugänglich ist, die Geld haben. Das ist in meinen Augen unmenschlich.

In Artikel 2 Grundgesetz wird uns das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zugesprochen, und in Artikel 20 wird behauptet, die BRD sei ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Daraus ergibt sich, dass unser Staat verpflichtet ist, ein funktionsfähiges Gesundheitssystem zu errichten (siehe Punkt 4 Fazit).

Vor Wochen schon haben Bekannte im Pflegedienst berichtet, dass Besucher Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel gestohlen haben, teils sogar inklusive Wandhalterung. Das war die Panikphase. Mittlerweile gibt es ein Besuchsverbot in Altenheimen und Intensivstationen, um Angehörige der Risikogruppen nicht zu gefährden. Andere Bekannte im Gesundheitswesen berichten darüber, dass sie auch dann noch weiterarbeiten sollen, wenn sie infiziert sind, aber noch keine Symptome zeigen, und die strengen Hygienevorschriften gelockert wurden, damit die Schutzkleidung länger eingesetzt werden kann, da es hier einen eklatanten Mangel gibt. Dadurch sind sie extrem gefährdet, an COVID-19 zu erkranken und zu sterben.

Außerdem suchen die Krankenhäuser händeringend Personal, das einfache Arbeiten verrichten kann (zum Beispiel Transport/Begleitung von Patienten zum Röntgen), damit die Pfleger ihre eigentliche Arbeit machen können. Geplante aber nicht dringende Operationen werden verschoben, damit die Kapazitäten für Corona-Patienten ausgebaut werden können. Die Intensivbetten mit Beatmungsgeräten werden derzeit in plötzlich weiser Voraussicht massiv aufgestockt, um die zu erwartende Patientenschwemme aufzufangen. Ob das reicht, wird sich zeigen. Wir befinden uns gerade in der Phase, in der das Wasser zurückweicht, bevor der Tsunami zuschlägt.

Es ist niedlich, wie dann teilweise von Balkons aus für das Klinikpersonal geklatscht wurde. Welch ein Hohn! Die Bonuszahlungen sind da schon eher ein Schritt in die richtige Richtung. Aber viel besser wäre es, wenn Pflegekräfte endlich die Bezahlung bekämen, die sie verdienen.

Everything's going to be okay!
Carl Grimes


Updates

Tagesspiegel (28.03.2020): Euren Applaus könnt ihr euch sonstwohin stecken

Süddeutsche (05.04.2020): Sonderzahlung für Pflegekräfte: Eine richtige Geste, aber keine Lösung

Redaktionsnetzwerk Deutschland (29.04.2020): Bonus für Pfleger? Wer soll das bezahlen?

Spiegel (29.04.2020): Pflegebonus in der Coronakrise: Und wer soll das bezahlen?

DIE LINKE. im Bundestag (18.03.2020): Pflegepersonal dauerhaft spürbar besser bezahlen

Süddeutsche (01.05.2020): Entlohnung in Pflegeberufen: Die geringe Organisation in Gewerkschaften ist ein Problem

Zeit (15.05.2020): Die Zukunft der Arbeit nach Corona: demokratisch, vor unregulierten Marktkräften schützen, nachhaltig (Manifest u.a. von Thomas Piketty)

Spiegel (16.05.2020): Bonus wegen Corona-Belastung - Und was ist mit den Krankenpflegern?

Twitter/Video (18.05.2020): Mann ist traurig, weil seine Frau im Pflegeheim ist, und er sie acht Wochen nicht mehr sehen durfte. Seelische Folter und er wird angemotzt von anderem Demonstranten, der über Grippewelle, ARD und ZDF, schwurbelt. Doch er meint, mann muss vernünftig bleiben. Mein Held des Tages!

Süddeutsche (19.05.2020): Risiko für Klinik- und Heimpersonal: Es fehlen Schutzausrüstung und Tests

Tagesspiegel (29.05.2020): Medizinisches Personal beklagt Mangel an Kita-Notbetreuung

Telepolis (04.06.2020): Spanien: Applaus in Verbesserungen im Gesundheitswesen verwandeln - gegen Privatisierungen und prekäre Arbeitsbedingungen

Correctiv (05.06.2020): Fünf Geschichten vom März und vom Mai: eine Pflegerin, eine Hebamme, eine Grundschullehrerin, eine Alleinerziehende, eine Grafikerin

ntv (04.07.2020): Es bleibt beim Applaus - Bonus nur für Altenpflegekräfte

Zeit (07.07.2020): Ausgeklatscht

Tagesspiegel (10.07.2020): Über unsere Arbeitsbedingungen will niemand mehr sprechen

Zeit (09.07.2020): Corona-Retter unterbezahlt, doch keine Prämie?

Tagesspiegel (11.07.2020): Wie Corona für soziale Berufe zur Chance werden kann

Spiegel (13.07.2020): Krankenpflegerin über Coronakrise: "Wir haben uns wie Kanonenfutter gefühlt" - Onlinepetitionen unterschreiben und Parteien wählen, die sich für Pflegepersonal einsetzen!

NachDenkSeiten / Jürgen Klute in Europa.blog (14.07.2020): Vom Umgang mit Pflegepersonal in Belgien und Deutschland - in Belgien ist die Gewerkschaft stärker

Tagesschau (14.07.2020): Trotz neuer Gesetzeslage kaum neues Personal in der Altenpflege - erster Schritt weg von den Fallpauschalen

Spiegel (24.07.2020): Verband kritisiert Arbeitsbedingungen osteuropäischer Pflegekräfte

T-Online (31.07.2020): Pfleger kritisieren Corona-Prämie: "Das ist wie eine Art Schweigegeld"

NachDenkSeiten (04.08.2020): Es fehlt 30% Personal in Pflegeheimen

Deutschlandfunk (11.08.2020): Heimleiter über die Situation in der Pflege: "Das ist eine Pleite, die die Bundesregierung da hinlegt"

Süddeutsche (19.08.2020): München Klinik wartet auf Finanzspritze vom Bund

GKV-Spitzenverband (03.09.2020): Corona-Prämie für Pflegekräfte im Krankenhaus kommt

Thema: Corona
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09.01.2012 13:04 Clicks: 37282

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