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Montag, 6. April 2020 17:01

Entschleunigung

Am Ende wird alles gut... und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.
Oscar Wilde

Eigentlich habe ich mein Leben schon drastisch entschleunigt. Massenaufläufe wie das Oktoberfest waren mir schon seit Ewigkeiten ein Graus, nicht erst seit dem Anschlag 1980. Als Kind liebte ich die blinkenden Lichter nachts und den Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Später arbeitete ich zwischen Theresienwiese und Goetheplatz und hatte das Gefühl, die Achterbahn fährt durch mein Büro. Von den Tretminen auf dem Weg von der U-Bahn ganz zu schweigen. Die Bierleichen. Einfach nur gruselig.

Auch Sportveranstaltungen haben mich nie interessiert. Fußball. Tennis. Springreiten. War mir schon immer völlig egal. Auch im Fernsehen.

Ich glaube, die größte Massenveranstaltung, die ich jemals gerne besucht habe, war die ComicCon in Stuttgart mit ca. 40.000 - 50.000 Besuchern. Aber das ist schon hart an der Grenze und brauche ich auch nicht unbedingt jedes Jahr.

2012 war das Jahr, in dem ich erkannte, dass Freizeitstress auch Stress ist, den es zu reduzieren galt. Man musste nicht jedes Jahr auf jede Con. Oder jedes lange Wochenende irgendwo hinfahren. Oder auch noch in den Pfingstferien irgendwo Urlaub machen. Carpe Diem hieß auch, zur Ruhe kommen, relaxen, herumlümmeln, die Batterien wieder auftanken.

2014 stand ich dann mal beim Chef heulend im Büro. Kurz vorm Burnout machte ich ein Coaching und lernte, dass ich auch delegieren darf, im Job genauso wie in der Familie. Und dass ich dabei kein schlechtes Gewissen haben brauchte. Und dass ich nicht dringende Dinge auch mal vor mir herschieben darf. Und auch hier kein schlechtes Gewissen haben brauchte. Diese Erkenntnis tat gut.

2013 habe ich wieder zu reiten angefangen. Seit dem habe ich immer mehr Geld in dieses Hobby investiert. In die lokale Realwirtschaft, wenn man es so sehen mag. Und die Ruhe, die einen umgibt, wenn man allein mit dem Pferd den Wald durchstreift, oder mit ein paar wenigen Freunden. Das hatte auch etwas Entschleunigendes.

Konsumverweigerer bin ich schon länger. Manchmal aus wirtschaftlicher Not, wie als ich studiert habe oder alleinerziehend war. Manchmal auch, weil ich die vollgestopften Schränke sehe oder den Krempl, den ich in regelmäßigen Abständen beim Wertstoffhof entsorge. Da frage ich mich manchmal, wieso ich das überhaupt gekauft habe. Was braucht man eigentlich zum Leben? Essen. Kleidung. Ja, klar, aber alles andere? Ich will gar nichts mehr haben, das man irgendwo hinstellt und dann abstauben muss. Natürlich werde ich öfter auch mal schwach. Aber das hat auch mehr mit der lokalen Realwirtschaft zu tun.

"Shoppen" war für mich nie eine erstrebenswerte Freizeitgestaltung, sondern eher notwendiges Übel. Deshalb haben wir aus dem Urlaub auch eher selten etwas mit nach Hause gebracht, außer vielleicht Super Soakers aus den USA und Honig aus Neuseeland. Deshalb war es für mich auch nie ein Problem, direkt neben den Konsumtempeln PEP oder den RiemArcaden zu wohnen. Der einzige Shop, den wir im Moment vermissen, ist der Lego-Store.

Und ich möchte eigentlich immer lieber reparieren als wegwerfen und neu kaufen. Im Erziehungsurlaub hatte ich Zeit, die Kleidung der Kinder auch mal zu flicken. Später dann nicht mehr, dann habe ich sie doch eher weggeworfen. Aber wenn ich z.B. mal wieder ein Smartphone, dessen Akku noch zwei Tage hält und einwandfrei funktioniert, wegen fehlender Sicherheitsupdates austauschen MUSS, dann blutet mir das Herz. Ebenso wenn ich die vielen Leute in den Malls sehe mit ihren Primark-Tüten. Dann denke ich immer: "Da geht er dahin, der Planet."

Die Bosch-Waschmaschine meiner Eltern hat über 20 Jahre gehalten. Heute muss man froh sein, wenn die Haushaltsgeräte 10 Jahre durchhalten. Reparaturen lohnen sich zumindest finanziell eher selten, dabei wäre das so gut für den Planeten, wenn es umgekehrt wäre. Ich hoffe inständig, dass sich hier etwas Grundlegendes ändert nach der Coronakatastrophe.

Aber ich schweife vom Thema ab. Entschleunigung.

Wir haben erstaunlich wenig ändern müssen. Kein rumstehen mit dem Auto in der Rush Hour mehr. Ich gehe zu Fuß zum einkaufen. Zum Pferd darf ich noch immer, wenn auch unter strengen Auflagen. Ich koche mehr, auch weil ich die Zeit habe, weil die Heimfahrt wegfällt. Und wir haben jetzt schon den zweiten echten Lazy Sunday erlebt, an dem wir uns mal in den Garten setzen konnten. Dafür blieb sonst nur wenig Zeit.

Das sind Aspekte, die ich gerade sehr genieße. Aber mir ist auch bewusst, wie privilegiert wir hier sind, dass wir überhaupt einen kleinen Garten haben, eine glückliche Ehe führen, finanziell ein kleines Polsterchen haben, das Haus groß genug ist, dass sich jeder zurückziehen kann. Ich persönlich könnte es also noch eine ganze Weile mit dieser Ausgangsbeschränkung aushalten.

Everything's going to be okay!
Carl Grimes

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09.01.2012 13:04 Clicks: 1318220

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