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Sonntag, 29. März 2020 17:01

Wirtschaft vs. Menschenleben

Am Ende wird alles gut... und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.
Oscar Wilde

Der Shutdown ist für unsere Wirtschaft eine absolute Katastrophe, obwohl er in Deutschland noch relativ milde praktiziert wird, nicht so wie in einem totalitären Staat wie China. Die Arbeitslosenzahl geht sprunghaft in die Höhe. Dafür haben sich die Arbeitsämter gewappnet, indem die Bedarfsprüfung vorläufig nach hinten verschoben wurde, um der Flut der Anträge erst einmal Herr zu werden und schnell Gelder fließen lassen zu können. Und es wird auch viele Insolvenzen geben, insbesondere bei den kleinen Betrieben und Selbständigen, die es jetzt als erstes trifft. Es ist eine Katastrophe!

Aber der Preis dafür, den Virus nicht durch diese harten Maßnahmen eindämmen zu wollen, damit die Wirtschaft keinen so großen Schaden nimmt, wäre in meinen Augen zu hoch. Denn dem Virus einfach seiner Natur gemäß freien Lauf zu lassen, würde 100.000den, wenn nicht sogar Millionen Menschenleben fordern. Mein moralischer Kompass sagt mir, dass das falsch wäre. Und wenn sogar Leute wie Boris Mr. Brexit Johnson oder Donald Dump Trump sowas einsehen und nicht mehr von Herdenimmunität faseln, die zu einer humanitären Katastrophe undenkbaren Ausmaßes führen würde, und sogar 1000-Dollar-Checks regnen lassen wollen... Würde sich das neue Coronavirus ungebremst ausbreiten, würde auch das einen immensen wirtschaftlichen Schaden nach sich ziehen. Um den kommen wir also gar nicht herum.

Der Turbokapitalismus und seine Globalisierung gepeitscht durch das Kredo des Neoliberalismus hat zu einem weltweiten Wirtschaftssystem geführt, das im Diktat der Gewinnmaximierung und Kostenoptimierung nichts anderes wurde als ein weltumspannendes, auf Kante genähtes Luftschloss. Dieses Kartenhaus wurde jetzt zum Einsturz gebracht. Und ich bin überzeugt, dass dies in absehbarer Zeit auch so passiert wäre. Der neue Coronavirus war hier nur ein Brandbeschleuniger.

Wir haben also die Wahl zwischen einer schlimmen wirtschaftlichen Katastrophe mit einer abgemilderten humanitären Katastrophe oder zwischen einer abgemilderten wirschaftlichen Katastrophe mit einer schlimmen humanitären Katastrophe. Aber die Katastrophe wird so oder so kommen.

Menschenleben retten hat für mich oberste Priorität!

Weil unser Staat seit Jahrzehnten auch diesem neoliberalem Kredo folgt, gleich welcher Parteifarbe, wurde unser Gesundheitssystem kaputtgespart. Das fliegt und jetzt sowas von um die Ohren. Trotz aller Anstrengungen, sich jetzt noch auf die zu erwartende Flut von COVID-19-Patienten zu wappnen, fehlt es an Material, an Beatmungsgeräten, an Pflegepersonal. Es ist zum Kotzen! Das bedeutet, dass wir sehr, sehr, sehr viele Tote zu beklagen haben werden, egal, was wir jetzt noch unternehmen. Aber jedes Leben, das wir durch geeignete Maßnahmen retten können, ist ein Gewinn für unsere Gesellschaft, für unsere Herzen, für unsere Zukunft!

Die Wirtschaft wird das überleben. Sie wird sich erholen. Es wird ähnlich sein, wie nach einem Krieg. Die Leute streben nach Normalität, mutige Menschen werden wieder Geschäfte eröffnen, es wird wieder aufwärts gehen. Vielleicht spricht man eines Tags vom zweiten Wirtschaftswunder.

Das beginnt ja schon jetzt, bevor uns der Tsunami in Zeitlupe trifft. Menschen nähen Atemmasken und verkaufen sie über etsy. Brauereien stellen plötzlich Desinfektionsmittel her. Firmen, die vorher etwas anderes hergestellt haben, produzieren plötzlich medizinische Atemschutzmasken oder (Teile von) Beatmungsgeräten. So flexibel und leistungsfähig ist unsere Realwirtschaft. Ich bin nur noch am Staunen, was alles möglich ist!

Um was es nicht schade wäre: Das unsägliche Finanzsystem, bei dem sich einige wenige Egomanen die Taschen voll stopfen. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte!

Für mich ist das Finanz- und Bankensystem eine riesige, zum Platzen vollgesaugte Zecke, die sich an der Realwirtschaft festgebissen hat. Und vielleicht ist jetzt der Augenblick gekommen, an dem diese Zecke endlich platzt. Ich würde ihr keine Träne hinterherweinen.

Also durchhalten! Nach Regen folgt immer Sonnenschein. Und hey, wir haben Strom, Wasser, Internet! Immer das Positive sehen!

Everything's going to be okay!
Carl Grimes


Updates

Tagesspiegel (01.05.2020): Schwedens Wirtschaft leidet auch ohne Lockdown, vermutlich weil Menschen wegen der ungewissen Zukunft sich beim Konsum stark zurückhalten

Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (13.05.2020): Studie mit dem ifo Institut "Gemeinsame Studie berechnet gesundheitliche und wirtschaftliche Szenarien zur Lockerung der pandemiebedingten Beschränkungen"

Telepolis (27.05.2020): Zwischen Pest und Cholera

Süddeutsche (20.06.2020): Corona-Schäden: Wo es der Wirtschaft besonders wehtut

Telepolis (13.07.2020): Wirtschaftliche Auswirkungen der Corona-Lockdowns (Meiner Meinung nach wird die Krankheit hier aber verharmlost.)

Spiegel (23.07.2020): GfK-Konsumbarometer steigt deutlich - Verbraucher lassen Corona-Schock hinter sich - die Wirtschaft wird sich wieder erholen

Zeit (30.07.2020): Deutsche Konjunktur bricht um 10,1 Prozent ein

Zeit (30.07.2020): US-Wirtschaft schrumpft um 32,9 Prozent

Heise (31.07.2020): Corona-Krise: Drastischer Konjunktureinbruch in der Eurozone

Süddeutsche (31.07.2020): Wirtschaftszahlen für Deutschland sind katastrophal, dennoch besteht Hoffnung

Telepolis - Kommentar von Sikkimoto (01.08.2020): Dolchstoßlegende: Die Wirtschaft hing auch vor Corona schon an seidenem Faden. Dass der Corona-Shutdown die Wirtschaft abwürgt, lenkt von dem tatsächlichen Versagen des neoliberalen Wirtschaftssystems / des Turbokapitalismus ab.

Telepolis - Kommentar von Artur_B (01.08.2020): Keynesianismus gefragt: In Infrastruktur, erneuerbare Energie und sozialen Wohnungsbau investieren!

Telepolis (08.08.2020): Covid-19 und Lockdown: Was war Regierungen die Rettung von Menschenleben wert? Studie von Britischen Ökonomen von der University of Exeter Business School: theoretisch wurden in Deutschland bis zu 540.000 Menschenleben gerettet, Hinauszögern des Lockdowns in Großbritannien hat viele Menschenleben gekostet

Süddeutsche (12.08.2020): Britische Wirtschaft bricht um mehr als 20 Prozent ein

Süddeutsche (01.09.2020): Trendwende bei der Arbeitslosigkeit naht - Wirtschaftsforscher rechnen mit Wachstum

Heise (26.09.2020): Volkswirte: Wirtschaft erholt sich von Corona-Schock – Risiko bleibt

Tagesschau (30.10.2020): Nach Corona-Einbruch: Deutsche Wirtschaft wächst um 8,2 Prozent - Altmaier rechnet für 2020 allerdings mit einem Rückgang von 5,5 Prozent

Solche Zahlen sind jedoch nicht aussagekräftig, denn es gibt viele Gewinner und auch viele Verlierer.

Telepolis (05.11.2020): Ostasien: Vor allem die Wirtschaft leidet

Süddeutsche (10.11.2020): Wirtschaftsweise erwarten bessere Konjunktur

Neue Zürcher Zeitung (22.11.2020): Kann ein Lockdown der Wirtschaft auch nützen? - Lieber ein Lockdown mit Schrecken als ein Corona-Schrecken ohne Ende

Süddeutsche (06.12.2020): Fatale Gleichgültigkeit

Neue Zürcher Zeitung (18.12.2020): Das Gewerbe rechnet vor, was Zwangsschliessungen von Läden kosten

Süddeutsche (18.12.2020): Alle Toten zählen - Die Opfer der Corona-Pandemie zu bagatellisieren, weil es auch andere Krankheiten und Gesundheitsgefahren gibt, führt in die Irre.

ntv (27.12.2020): DIW fürchtet Pleite-Tsunamie: Pandemie kostet Deutschland 391 Milliarden Euro

Twitter - Max Roser (08.01.2021): Abhängigkeit von Wirtschaft und Sterberate in Grafik

Süddeutsche (14.01.2021): Historischer Rückgang: Deutsche Wirtschaft bricht um fünf Prozent ein - Ökonomen glauben aber trotz des Lockdowns an einen starken Aufschwung in diesem Jahr.

Handelsblatt (15.02.2021): Japans Wirtschaft erholt sich weiter: BIP wächst um fast 13 Prozent

Spiegel (24.02.2021): Deutsche Wirtschaft wächst trotz Coronakrise stärker als gedacht

Aber wie bei jeder Statistik: Es können keine Aussagen über Einzelfälle bzw. Einzelbranchen getroffen werden.

Stern (05.04.2021): Wenige Tote, starke Wirtschaft: Länder mit No-Covid-Strategie bewältigen laut Studie die Krise am besten

Heise (03.05.2021): Materialmangel bremst Industrie aus, Preiserhöhungen möglich

RND (15.08.2021): China: Die Kosten einer virusfreien Zone

Thema: Corona
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Last Update:
09.01.2012 13:04 Clicks: 745526

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