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Sonntag, 27. Dezember 2009 13:15

Unberührt - Arne Hoffmann

Die Website ohne-erfahrung.de wurde wegen zu großem Erfolg geschlossen und anscheinend hat sich noch kein neuer Forenbetreiber gefunden. Die Zahlen schwanken zwischen 3-10% der erwachsenen Bevölkerung, die noch keinerlei Beziehungserfahrung haben, zum Teil sogar noch nicht einmal einen Kuss oder eine Umarmung erlebt haben.

Das ist wohl noch ein größeres Tabuthema, als wenn Leute SM-Spiele lieben oder Schuhfetischisten sind. Jedenfalls wird es kaum in den Medien thematisiert und anscheinend sind auch die meisten Therapeuten damit überfordert, da es hierfür keine wissenschaftlichen Untersuchungen gibt.

In diesem Buch [Unser Amazonstore: ] "Unberührt" trägt Arne Hoffmann [/Amazonstore Ende] einige Interviews von Menschen ohne Beziehungserfahrung zusammen, lässt Fachleute zu diesem Thema zu Wort kommen und gibt am Schluss einige Denkanstöße, die eventuell Lösungsmöglichkeiten anbieten könnten.

Ich sehe das so, dass es eben Menschen gibt, die schüchtern sind. Vielleicht sind sie auch körperfeindlich erzogen worden, weil ihre Eltern sich nie vor den Augen der Kinder berührt oder geküsst haben, vielleicht weil sie streng katholisch sind. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass sie nicht aussehen wie die Models und Schauspieler, die uns von Plakaten und Zeitschriften ständig anlächeln mit ihren perfekt weißen Zähnen und der makellosen Haut (Fotoshop sei dank). Vielleicht sind sie einfach introvertiert und zu selbstreflektiert. Solche Menschen haben es eben nunmal etwas schwerer, einen Partner zu finden.

Manchen gelingt es dennoch. Manche fallen durch das Raster und bleiben allein. Jahrzehntelang. Den Teufelskreis kann man wohl nur durchbrechen, indem man an sich arbeitet. Vielleicht sein Äußeres versucht zu verbessern durch gepflegtere Kleidung, vielleicht Sport, vielleicht Zahnpasta extraweiß, vielleicht Selbstbräuner, vielleicht einem Gang zum Friseur. Aber auch die Schüchternheit kann man überspielen, indem man bewusst versucht, auf andere Menschen zuzugehen. Und glaubt mir, ich weiß, dass das verdammt schwer sein kann.

Einen absoluten, ultimativen Tip für alle kann Arne Hoffmann auch nicht geben. Dazu sind wohl die individuellen Probleme zu unterschiedlich, die zu der langanhaltenden Beziehungslosigkeit geführt haben. Aber ich denke, dass dieses Buch vielleicht dazu beitragen könnte, dass ABs und ABinen die Dinge an sich selbst entdecken, die ihnen im Weg stehen, und damit anfangen könnten, diese aus dem Weg zu räumen, damit sie doch noch den Deckel finden, der auf ihren Topf passt. Und glaubt mir, es sind nicht alle Woks ;-)

Zwei Dinge fand ich besonders interessant:

  1. Die äußere Attraktivität von möglichen, zukünftigen Partnern wird als viel zu hoch bewertet. D.h. dass ABs sich nur verlieben, wenn der Gegenpart äußerst attraktiv ist. Dies spiegelt sich auch in der verbitterten Erkenntnis wieder, dass der politisch korrekte aber völlig blödsinnige Satz "es kommt auf den Charakter und nicht auf das Aussehen an" sich immer wieder eben NICHT bewahrheitet und die guten Charaktere auf der Kumpelschiene und nicht im Bett landen.

    Dieses Überschätzen der äußeren Attraktivität jedoch ist ein Überbleibsel aus der Pubertät, denn eigentlich sollte nur in dieser Phase des Austestens und Ausprobierens die körperliche Attraktivität im Vordergrund stehen. Im fortgeschrittenen Alter und mit größerer Lebenserfahrung spielt das eine untergeordnetere Rolle. Natürlich ist auch später das äußere Erscheinungsbild nicht vollkommen unwichtig, aber es ist eben das Gesamtbild, das sich aus Äußerlichkeiten und Charakter und anderen Merkmalen zusammensetzt, entscheidend, ob man einen Menschen anziehend findet oder nicht.

    ABs jedoch bleiben in dem Stadium der Pubertät stecken und legen viel zu viel Wert auf Äußerlichkeiten. Wenn dann gleichzeitig noch hinzukommt, dass man sich selbst in puncto körperlicher Attraktivität eher als Omega einstuft, dann ist ein Scheitern von Annäherungsversuchen von vornherein absehbar.

  2. Die zweite Erkenntnis betraf die Homosexualität. Die Betroffene erzählte, dass hier vor den ersten Annäherungsversuchen erst einmal eine Phase kommt, in der sich die Betroffenen selbst eingestehen müssen, dass sie anders ticken. Und wenn dann noch Schüchternheit und eine Abneigung zu Discos hinzukommt, ist es um so schwerer, einen Partner zu finden, da die Auswahl an potentiellen Partnern in der Gesamtbevölkerung nur etwa 5% ausmacht. Daran hatte ich vorher noch nie gedacht.

Ich selbst sehe mich zumindest als einen Menschen, der nicht leicht eine Partnerschaft eingeht. Viele Aspekte, die auf viele ABs zutrifft, treffen auch auf mich zu. So bin ich doch recht introvertiert, schüchtern, finde mich selbst oft unattraktiv, vor allen Dingen zu dick, habe hohe Ansprüche an potentielle Partner (gehabt, bevor ich Florian kennengelernt habe, der meinen Ansprüchen wundersamer Weise vollkommen entsprach), war zwischen den Partnerschaften immer sehr lange allein und konnte auch dann lange Zeit verliebt bleiben, wenn eigentlich nicht die geringste Chance auf eine gemeinsame Zukunft bestand. Trotzdem habe ich an manchen Dingen an mir selbst arbeiten können, mich nicht mit weniger zufrieden gegeben, als ich haben wollte, nur um nicht mehr allein zu sein, und im entscheidenden Moment habe ich all meinen Mut zusammen gekratzt und bin ins kalte Wasser gesprungen, um meinem Glück gemeinsam mit Florian nicht im Wege zu stehen. Und es hat sich gelohnt :-)

Leider sind die Internet-Foren, die am Ende des Buches für Betroffene als erste Anlaufstelle aufgelistet sind, alle nicht mehr da. Aber ich habe zwei gefunden, die ich hier nun verlinken möchte:

Vielleicht können Menschen ohne Beziehungserfahrung mit Hilfe dieses Buches und dieser Foren zum ersten Schritt in ein neues Leben finden, indem sie erkennen, was sie selbst daran hindert, Beziehungen einzugehen, und diese Steine nach und nach aus dem Weg zu räumen. Ich wünsche es allen.

Thema: Bücher
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09.01.2012 13:04 Clicks: 136863

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