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Donnerstag, 2. August 2007 23:03

Elementarteilchen - Michel Houellebecq

"Elementarteilchen" von Michel Houellebecq

Dieses Buch ist mir empfohlen worden mit den Worten, dass es beschreibt, dass Sex in unserer Gesellschaft überbewertet werden würde. So habe ich mir das Buch nun wirklich nicht vorgestellt. Es beschreibt die Leben zweier ungleicher Halbbrüder Bruno und Michel (französisch ausgesprochen Brünoh und Mischell), grob gesagt. Es beginnt alles sehr verwirrend in der Mitte, geht weit in die Vergangenheit, dann wieder in die Zukunft und es braucht ein Weilchen, bis man sich eingelesen hat. Es kam mir vor, als würde ich die Leben der beiden Männer aus der Perspektive eines Quants, also eines Elementarteilchens aus betrachten, für den die vierte Dimension Zeit kein mehr oder weniger gleichmäßig dahinfließender Strom ist, wie für uns Menschen, sondern es gleichsam eine Verbindung zwischen Anbeginn der Zeit (Urknall) und dem Ende der Zeit (Ende des Universums) hält. Für ein Quant liegt die zeitliche Ausdehnung vor ihm, wie für uns beispielsweise die Kante eines Würfels.

Wenn der Autor mehrfach die Quantenmechanik (z.B. Kopenhagener Deutung) zitiert und ihren Einfluss auf die Biochemie, unser Genom, zitiert, habe ich mich mehrfach gefragt, inwiefern er von diesen Dingen wirklich eine Ahnung hat. Wenn man vorher die Bücher "Schrödingers Katze" und "Auf der Suche nach Schrödingers Kätzchen" von John Gribbin gelesen hat, verwirrt einen dies hier eher, als dass das Wissen nutzt. Warum zum Geier zitiert er diese hochwissenschaftlichen Dinge? Weil Michel ein großartiger Kopf ist, der Filme wie "Quiet Earth" (Seite 14) mag und niemanden hat, der sich mit ihm ernsthaft darüber unterhalten könnte, dass die Moleküle des Lebens statt Kohlenstoff, Sauerstoff und Stickstoff auch Silizium, Schwefel und Phosphor; oder Germanium, Selen und Arsen; oder Zinn, Tellur und Antimon hätten sein können (Seite 41). In einem lustlosen Leben mit verpassten Chancen gleitet er durch den Alltag, analysiert den Alltag und seine Forschungsarbeiten und schafft die Grundlage für das perfekte Genom einer neuen Menschheit. Manchmal erinnerte er mich an Mister Spock.

Unterbrochen wird diese eher triste Erzählung dieses Lebens eines fast schon autistischen Genies von den Erzählungen aus dem Leben seines Halbbruders Bruno, ein klassisches, männliches Opfer seiner Gene. Vom Phänotyp her eher etwas benachteiligt ausgestattet (klein, hellhäutig, glatzköpfig, dickbäuchig und zu allem Überfluss auch noch nur mit einem kleinen Geschlechtsteil ausgestattet) versprüht er nahezu planlos seinen Samen in die Welt. Die einzelnen Ausführungen sind fast schon pornografisch, auf jeden Fall primitiv und bezeichnend für diesen Typ Mann. Ein Typ Mann, vor dem die meisten Frauen flüchten. Man mag ihm zu Gute halten, dass er eine beschissene Kindheit gehabt hatte und seine 68er Mutter und sein abwesender Vater Mitschuld an der Misere tragen. Doch er hat nie begriffen, dass er seine körperlichen Unzulänglichkeiten hätte mit etwas mehr Persönlichkeit ausgleichen können, das war ihm auch vom Intellekt her nicht gegeben. Erstaunlicherweise fand er eine Frau, die zu ihm passte, doch das Glück war nur von kurzer Dauer.

Erwähnenswert ist vielleicht noch Annabelle, die vollkommene Schönheit. Michel hätte sie in jungen Jahren haben können, aber sein absoluter Mangel an Begierde und ihre damals wohl noch verbreitete Ansicht, der Mann müsse den ersten Schritt machen, stürzten sie ins Unglück. Viele Männer hatten sie als Trophäe, zwei Abtreibungen hatte sie hinter sich gebracht, bevor Michel es wagte, mit ihr ein kleines Glück aufzubauen. Doch es war zu spät! Er hätte sie retten können, aber er dachte bedauerlicherweise mit dem Gehirn und stürzte so beide ins Unglück. Letztendlich ist für die Misere aber natürlich der Autor verantwortlich, denn ein Romanautor spielt Gott für seine Figuren und kann ihnen unerträgliches Leid zufügen. Sonst wäre es auch langweilig zu lesen...

Auch der Bodensatz der Gesellschaft in Form eines gewissens- und gefühlslosen Mörders, der in satanischen Kreisen Zugang zu seinem schwärzesten Ich gefunden hat, wird beschrieben. Dieser Exkurs beschrieb jedoch eine winzige Minderheit einer Daseinsform, die von der Gesellschaft zutiefst mit Recht verachtet wird.

Gesellschaftskritisch, ja, das war der Roman ebenfalls. Die Zukunft sei weiblich hieß es da, denn Frauen sind die gütigen Menschen, die Wärme und Liebe auf die Welt bringen. Die Männer sind es, die Gewalt und Krieg und Mord in die Welt bringen. In diesem Zusammenhang empfehle ich dringend das Buch "Mutation" von Michael Cordy, das genau dieses Thema behandelt. Außerdem wird Religionen, allen voran dem Islam (der als falsch, dumm und obskur bezeichnet wird), keine große Zukunft eingeräumt wird, dafür aber der reinen Wissenschaft, der Mathematik, der Physik und natürlich auch der Biochemie und Genetik. Ich würde es mir wünschen. Es wäre eine so viel friedlichere und berechenbarere Welt.

Gegen Ende wurde das Buch schon fast zu einem Science Fiction, als die Theorien, die Michel entwickelt hat, langsam in die Tat umgesetzt wurden. Es endete im Schnelldurchlauf etwa im Jahre 2080. Es war nur ein kurzer Exkurs in die Zukunft, aber die Aussichten waren ähnlich wie Aldous Huxley in seinem Buch "Brave New World" beschrieben hatte, eine Welt ohne Individuen, eine Welt, in der Sex und Fortpflanzung nichts mehr miteinander zu tun haben, eine Welt, in der es keine Gewalt mehr gibt.

Dieses Buch soll eine Gesellschaft beschreiben, die Sex überbewertet? Hm, die Stelle muss man mir noch mal zeigen...

Thema: Bücher
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09.01.2012 13:04 Clicks: 138274

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